Es war 2009 – ein Jahr, in dem ich viel beruflich unterwegs war. Nach fast zweieinhalb Monaten in der Schweiz bin ich kurz vor Heiligabend dann nach Hause gefahren. Es war alles etwas turbulent. An Silvester waren wir dann mit 20 bis 25 Leuten zusammen, die gemeinsam gefeiert haben. Um Mitternacht sind wir auf eine große Wiese gegangen, schön mit Blick über Heilbronn. Ein paar hatten Raketen dabei und haben ein bisschen geböllert. Ich hatte schon viele Jahre nichts mehr abgeschossen – mir war das immer zu gefährlich. Es war mittlerweile halb 1, eigentlich war alles schon vorbei. Wir standen noch zusammen und haben einen Sekt getrunken. Plötzlich flog mir seitlich etwas ins Auge rein, hat mir den Augapfel aufgeschlitzt und ist dann an der Nase abgeprallt. Ich weiß bis heute nicht, was es genau war. Es war nicht hell, muss irgend so ein Heuler gewesen sein. Was Kleines.
Ich hab dann zu meiner Freundin gesagt: „Ich glaube, mir ist gerade das Auge raus gefallen.“ Und im Grunde war es auch so. Der Böller hat mir 3 cm tief das Auge aufgeschlitzt und alles was innen war, ist raus gekommen.
Tatsächlich hatte ich gar keine Schmerzen. Ich weiß nicht, vielleicht war es eine Art Abwehrreaktion des Körpers, Verdrängung, Selbstschutz. Aber es tat nicht weh. Die einzigen Schmerzen hatte ich dann im März, als ich operiert wurde.
Als ich am nächsten Morgen im Krankenzimmer aufgewacht bin, schossen mir natürlich viele Gedanken durch den Kopf. Der erste Gedanke war „Jetzt bin ich ein Krüppel!“ Der 2. Gedanke folgte direkt: „Aber, ich habe keine lebensgefährliche Krankheit. Ich kann damit leben.“ Das war das erste Resumé, das ich im neuen Jahr gezogen habe. Kein guter Start.
Ich war insgesamt 10 Tage im Krankenhaus. Dann wurde ich entlassen mit der Aussage: Es ist nicht reparabel.
Und dann stehst Du da, mit einem Auge. Und musst plötzlich zweidimensional in einer dreidimensionalen Welt zurechtkommen. Keiner bereitet dich drauf vor. Und mich hat keiner gefragt, wie´s mir damit geht – psychologisch. Da bräuchte es viel mehr Begleitung. Wir sind medizinisch so weit fortgeschritten heute, aber dass die Seele da gar nicht hinterher kommt, das interessiert (aus medizinischer und wirtschaftlicher Sicht) Niemanden.
Im März wurde ich operiert. Es wurde eine Silikonkugel in das Auge eingesetzt, um die Augenhöhle zu erhalten. Die Muskeln außen dran sind noch da, daher bewegt sich der Glaskörper auch immer ein bisschen mit, wenn ich meine Augen bewege.
Das erste halbe Jahr hatte ich die Prothese komplett drin. Aber dann wurde es unbequem. Am Ende bleibt es ein Fremdkörper, den ich da im Auge habe. Mittlerweile nehme ich sie jeden Abend raus. Und jedes Jahr wird ein neues Auge hergestellt, weil es sich eben abnutzt.
Die Herstellung ist echt spektakulär. Das macht ein Glasbläser, der gleichzeitig Augenarzt ist. Ein richtiger Augenkünstler. Erst schaut er, was Du für eine Augenfarbe hast. Dann kommt er mit einer Schachtel mit der Kugel – wie ein Juwelier mit Hochzeitsringen. Die Iris ist auf der Glaskugel schon drauf, das macht er im Vorfeld.
Dann heizt er ein und bläst aus der Kugel die Halbschale. Das macht er direkt vor Deinen Augen. Das Ganze dauert ungefähr eine halbe Stunde. Rote Adern macht er beim Blasen auch noch mit rein und orientiert sich dabei an deinem anderen Auge. Die Augen sehen verblüffend echt aus.
Und vor allem wird die Form möglichst optimal der Augenhöhle und den noch vorhandenen Restmuskeln angepasst, denn jedes Auge und jede Geschichte hat ihre eigene Form. In nahezu keinem Fall bleibt das Glasauge ganz rund. Es sind immer noch Muskeln und Reste des Augapfels in der Augenhöhle vorhanden. Und passend dazu muss dann das Auge mit einem Spezialbrenner geformt werden.
Meine Prothese muss jährlich erneuert werden, denn durch die Tränenflüssigkeit und Umwelteinflüsse altert die Prothese. Dabei wird die Oberfläche stumpf und das Tragen kann unangenehm werden.
Mein jährlicher Besuch beim Augenkünstler ist deshalb fester Bestandteil meines und seines Terminkalenders.